Kunst-Ausstellung „Abgestempelt“ im Nds. Ministerium f. Soziales

Posted on 28-01-2026 , by: AdminWebseite , in , 0 Comments

Kunst-Ausstellung im Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung
hat. Es ist die Ausstellung „Abgestempelt“ von Marla Bloch (www.marlabloch.de ). Sie bietet ihren speziellen Blick auf das  Leben aus ihrer Behinderung heraus. Es ist eine Mischung aus Objekten, Fotografien und einer Aktionsstation.
Die Ausstellungszeit wird verlängert bis zum 6.2.
Was ist Kunst?
„Warum hat Niki de St Phalle Schießbilder kreiert, warum

haben Christo und Jeanne-Claude den Reichstag verhüllt? Es gab Erlebnisse, Ansichten, eine innere Wichtigkeit, die sich auf diese ganz persönliche Weise ausdrückte und an ein großes Publikum herangetragen wurde.
Ich bin im Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung
und schaue mir eine Kunst-Austellung an. Dort hängt ein Hilfsmittel-Korsett, vor einem Fenster und aus dem Korsett fallen goldene Kugeln, wie in einer lockeren Bewegung, heraus.
Ein Korsett, dass den Rücken gerade halten soll. Täglich getragen. Und nun hier, mit lustig schwingenden Kugeln, aufgehängt.
Gleich daneben hängt ein anderes Korsett mit den breiten Lederschließen. In dem Korsett: ein weißer Luftballon mit goldenen Konfetti-Punkten, der durch das Korsett eingeschnürt, oben und unten etwas herausquillt. Im Katalog heißt dieses Werk „Segen“.
Ich gehe weiter und sehe das nächste Korsett, an einer Stange aufgehängt, die Stange ist gebogen. Im Katalog lese ich den Namen des Kunstwerkes: „70 Grad“. Und dort ist noch so ein Korsett: ich kann von oben hinein schauen und sehe ein goldenes Herz. Nicht die einfache Form, mit zwei Bögen oben und einer Spitze unten, sondern die genaue 3-D- Abbildung eines menschlichen Herzens, mit Venen-Eingang und Schlagader-Ausgang, mit feinen Adern an den Herzmuskeln. Dieses Werk heißt „Ich bin Gold wert“
Wer ist diese Künstlerin, die das so ausdrückt, die diese Korsette getragen und sie jetzt in Kunst verwandelt hat?
Ich gehe weiter und schaue mir ihre Selbstportraits an. Die Zeichnungen sind speziell. Sie scheinen unterschiedliche Gefühle auszudrücken: mal sehe ich ein gequältes schräges Gesicht, mal ein tief ruhiges, auch ein keckes und ein verschmitzt lächelndes Gesicht. Ich muss schmunzeln. Die Künstlerin hat Humor.
Und dann komme ich zu ihren Fotos:
Ich sehe ein hell beklebtes Fenster, durch das die Helligkeit des Tages zu sehen ist. In der Mitte gibt es einen kleinen Ausschnitt, oder eher Abriss, durch den ein unscharfes kleines Häuschen mit rotem Dach zu sehen ist. Ich gehe näher heran und erkenne ein Vogelhäuschen. Das ganze Bild hat etwas Geborgenes. Es ist schön. Auch das Bild daneben, der dunkle Schatten einer stehenden Haushaltsrolle mit ihrem Prägemuster, einer Spirale – die man erst auf den zweiten Blick erkennt.
Ich sehe Fotografien verschlossener Türen, ich sehe viele Aufnahmen mit Hosenbeinen und Schuhen, ich sehe Fotos die sich mit Schatten-Spiegelbildern überlagern. Es ist nur die Ahnung eines Spiegelbildes.
Und dann sehe ich ein Spiegelbild in einem Fahrstuhl: die Künstlerin selbst, wie sie aufrecht in ihrem Rollstuhl sitzt.
Es ist ihre Perspektive, ihre Umgebung, die sie in den Fotos darstellt.
Es ist ein Einblick in das Leben von Marla Bloch.
Ihre Ausstellung hier heißt „Abgestempelt“.
Sie bezieht sich auf behördliche Schreiben, in denen ihr Ansprüche verweigert werden, weil sie nicht spricht, wie man es erwartet, weil ihre Reaktion auf Ansprache ungewohnt ist und ihr deshalb unterstellt wird, dass sie nicht versteht, nicht lernt und keinen eigenen Willen besitzt.
Sie wird an einer vermeintlichen Normalität gemessen, weil Spielräume immer enger gezogen werden und
Einzelfallentscheidungen eine wirkliche Auseinandersetzung mit ihr erfordern, bzw. gar nicht einbezogen werden.
In der Ausstellung gibt es einen Stempeltisch mit 24 Stempeln zu dem die Besucher und Besucherinnen aufgefordert sind, die Stempel auf den kopierten Selbstportraits der Künstlerin zu stempeln. Damit werden sie selbst Teil der abstempelnden Gesellschaft.
Warum gelingt mir das nicht?
Ich stemple auf der Rückseite Satzfragmente und Sätze wie:
… Ob dies in einer der Willkür unterliegenden Form abläuft…
… Was kann die Probandin optisch und
akustisch erfassen…
… Befristet…
Diese Sätze sind zutiefst verletzend, zumal sie immer wieder in Bescheiden auftauchen, bei einer jungen Frau die Kunst studiert.
Solche Sätze zeigen die Behinderung derer, die nicht in der Lage sind, zu erkennen, wie viel Frau Bloch geleistet hat, trotz ihres Lebens mit der schweren Behinderung durch einen Gendefekt, dem Rett-Syndrom. Andernfalls würden sie fragen, „wie haben Sie das geschafft?“ und staunen. Aber das kostet Zeit und Einfühlungsvermögen.
Diese Ausstellung war dringend nötig. Sie wird noch bis zum 6.2.2026 im Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung gezeigt und interessiert dort hoffentlich auch viele Entscheidungsträger, die erkennen wie wichtig dieser Blick ist und wie wichtig die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen ist. Denn Kunst bringt uns auf Gedanken, die die Entwicklung dieser Gesellschaft voran bringen.“ (Reflexion einer Besucherin)